Jede Menge Pointen

Neuburg

erstellt am 04.02.2018 um 20:19 Uhr
aktualisiert am 04.02.2018 um 22:30 Uhr

 

Neuburg (DK) Sie lassen den Heiligen Geist über den Stadtrat ausgießen, schlagen den abgeholzten Gietlhausener Wald als weltweit "erstes Borkenkäfermahnmal" vor, krönen eine Kirschenkönigin und revolutionieren die Neuburger Museenlandschaft. Furios das Faschingskonzert des Liederkranzes.

Neuburg: Jede Menge PointenFoto: Andrea Hammerl

Das gilt vor allem für den zweiten Teil des insgesamt dreistündigen Kabarettkonzerts "Neuburg im Ausstellungsrausch, Nachlese und Zukunftsvisionen". Schnellere Themenwechsel, flottere, eingängigere Melodien und jede Menge Pointen, wie die "(Luft)schlösser, die im Monde liegen", frei nach Paul Linckes Singspiel "Frau Luna", ausgezeichnet gesungen von Brigitte Clemens, die auch als pfeildurchbohrte Ex-Stadträtin Anita Kerner am Marterpfahl überzeugt. Donaubrücke, Hallenbad-Parkhaus, Landesgartenschau, Marienheimer Umgehungsstraße, Realschulzufahrt, Bahnhofsparkplätze und ein "verglühender Hochschulcampus, der jetzt wohl mit Asylanten bestückt wird" - Textautor Albert Basel hat zum Amüsement des Publikums im gutbesuchten Stadttheater unverwirklichte Pläne ohne Zahl in Neuburgs Schubladen gefunden. Vom zweispurigen Einbahnstraßenring ganz zu schweigen, denn der lässt einen wutschnaubenden OB auf die Bühne stürmen. "Das werde ich bis aufs Blut bekämpfen, sonst krieg ich ja meine zweite Donaubrücke nicht mehr", tobt Bernhard Sönning, der seine Stammrolle als OB Bernhard Gmehling wieder mit Verve erfüllt, gipfelnd im Kampf-Duett "Mir steht er zu" nach Jacques Offenbachs Orpheus in der Unterwelt mit dem stimmlich gut aufgelegten Manfred Obermeier alias Landrat Roland Weigert. Um Ottheinrich und Philipp geht es, denn der Liederkranz hat sich die Barockgalerie vorgenommen und ersetzt im Zuge der Modernisierung zum Flamenrock die Konterfeis historischer Personen durch die aktueller (Polit)prominenz. Für OB und Landrat bahnt sich als Kompromiss ein monatlicher Wechsel an, der den Landrat jedoch protestieren lässt, da ihm Ottheinrich für den zwei Tage kürzeren Februar zugesprochen wird. Die Originale im Parkett machen gute Miene oder amüsieren sich mit, Weigert zückt am Liedende sogar das Handy, um "seine" Szene mit Umweltministerin Ulrike Scharf festzuhalten, während die Zuschauer kräftig applaudieren.

Die Hauptakteure des ersten Teils haben sich dagegen die Premiere entgehen lassen. Dabei gibt sich der Liederkranz doch jede Mühe, die Ausstellung "Fürstenmacht und wahrer Glaube" noch einmal ins rechte Licht zu rücken. Köstlich der verbale Gockelkampf, den Albert Basel als Roland Thiele - würdig angetan mit Schützenkönigskette der Schützengesellschaft Erheiterung - mit Hans Hüttinger als Museumsleiter Michael Teichmann ausficht. Nur spuckt ihnen der böse Liederkranz, eben noch mit "Rühmet und preiset" die beiden zu wohlgefälligem Bauchstreicheln animierend, dann kräftig in die Suppe, erinnert an die um 60 Prozent niedriger als prophezeit ausgefallene Besucherzahl, sieht im Ausstellungsflyer ein Plagiat des Hutschau-Flyers und lässt Museumskassiererin und -aufsicht ihr Langeweile-Leid klagen. "Kein Schwein geht hier rein", singt Nicola Kloss irgendwo zwischen kess, aufmüpfig und verzweifelt; Susanne Schimmels "Ich steh hier und warte" klingt bei weitem mitleiderregender als Zarah Leanders Regen-Original, eingängig ihr Kirschenköniginnenlied auf den Schlager "Mitsou".

Rund 50 Musikstücke von 36 verschiedenen Komponisten, Werke aus Klassik, Oper, Operette, Singspiel, Schlager und Rock hat musikalischer Leiter Martin Göbel für das Mammutwerk des Liederkranzes bearbeitet, Szenenideen und Texte stammen von Albert Basel, Requisiten von Manfred Basel. Ralph Pauli ist für die umfangreichen Bild-, Text- und Toneinspielungen verantwortlich, die mal in die Barockgalerie, mal ins Grüne führen und somit tragende Elemente sind.

Staats-, pardon stadttragend, Alex Haninger als Prologus mit der anspruchsvollen Arie aus Bajazzo. Zur Furie wird die auch stimmlich überzeugende Luise Ilchmann als "Allgegenwärtige in Neuburgs Straßen", die Tevjes Lied aus Anatevka singend Strafzettel verteilt, mit denen sie ein Drittel der eine Million Euro Ausstellungskosten wieder reinholen will. Turbulent wird es, als die Holzfäller, angeführt von Bernd Fürleger in des Chores Lobgesang auf den schönen Eichenwald einbrechen, oder später Schnaken die Fahrradtouristen bei Rennertshofen überfallen. Die befinden sich auf zunächst von Stadtführer Herwig Wanzl, dann Roland Thiele (Albert Basel) geführter Tour auf einem visionären Ausstellungsparcours.

Stark die meisten Chorszenen, während bei manchen Solisten noch Luft nach oben ist, teils wohl auf angegriffene Stimmbänder zurückzuführen, vielleicht auch auf reduzierte Probenzahl oder Lampenfieber. Insgesamt aber wieder ein höchst amüsantes Faschingskonzert und ein Muss für alle gesellschaftspolitisch interessierten Neuburger.

Info: Weitere Aufführungen am Freitag, 9. Februar, und Samstag, 10. Februar, jeweils 19.30 Uhr im Neuburger Stadttheater. Vorverkauf in der Geschäftsstelle des Donaukurier, Tourist-Info, Bücherturm sowie im Internet.

Von Andrea Hammerl